Die Corona-Krise bringt auch schlechte Seiten ans licht

"So gesehen, hat Ihre Kollegin aus dem Wissenschaftsressort sogar zu einer Straftat aufgerufen. Von einer Journalistin des Spiegel ist das schon ein dickes Ding. Vom Spiegel erwarte ich guten Journalismus und keine oberflächlichen Artikel, die persönliche Abneigungen gegen eine Tierart mit einem halbseidenen Wissenschaftler zu untermauern versuchen."


Unser Brief an das Wissenschaftsressort des Spiegel betrifft den Artikel "Bitte nicht füttern!“ von Julia Koch vom 18. 4. 2020


Sehr geehrter Herr Stukenberg, 

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ich schreibe Sie als stellvertretenden Ressortleiter Wissenschaft des Spiegels an, da ich annehme, dass meine Nachricht an Frau Julia Koch nur Sekunden brauchen wird, um im elektronischen Papierkorb zu landen. Da mir der „Spiegel" am Herzen liegt, möchte ich Ihnen Folgendes mitteilen. 
Ich habe heute mit Erstaunen den Artikel von Frau Koch mit dem Titel: "Bitte nicht füttern!“ in spiegel-online gelesen, in dem sie besonders in Corona-Zeiten für ein Hungern lassen der Stadttauben eintritt.  

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Sie beruft sich auf den Schweizer Professor Dr. Haag-Wackernagel, der sein ganzes Leben mit dem Thema Stadttaube verbracht hat. Er ist Begründer des "Basler Modells“, das getreu dem Motto: „Wer nichts zu fressen hat, hat keine Zeit zu brüten“ handelt. Dieser Herr hat bei seinen Schweizer Projekten tausende Tauben töten lassen, bevor sie in seinen Taubenschlägen verhungerten. So hat er nach eigenen Angaben von 1988 bis 1992 die Population in Basel von 20.000 auf 10.000 reduziert. Davon wurden 8.550 Tiere  durch Beamte des Basler Jagdinspektorates getötet. Die Überlebenden suchten und suchen weiter täglich auf den Straßen nach jedem Krümel – und nerven die Passanten. Nennt Ihre Kollegin das eine erfolgreiche Maßnahme? 

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Für diese „Regulierungsmaßnahme" stellt der Herr zudem Rechnungen über mehrere Millionen Schweizer Franken. Umsonst ist sein Modell wahrlich nicht zu haben. Auch seine Gutachten lässt er sich einträglich honorieren. Trotzdem fruchten diese außerhalb der Schweizer Landesgrenzen nicht so recht. So hat er letztes Jahr im Verfahren "Wettbewerbszentrale gegen Rentokil“ die Richter des Oberlandesgerichts Oldenburg nicht überzeugen können und sie haben die lange Liste mit angeblich von Tauben übertragenen Krankheiten komplett gestrichen. Die Nachfrage des Gerichts beim Robert-Koch-Insitut, uns durch Corona momentan ja täglich vertraut, entzog Haag-Wackernagels Expertise den Boden. Übrigens: Es musste auch die Behauptung gestrichen werden, dass der Kot der Tiere die Bausubstanz in irgendeiner Form schädigt.  

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Der Herr kann sich sein Modell des „Tauben-verhungern-lassens" in der Schweiz erlauben, weil dort das Tierschutzgesetz anders gestrickt ist. Die Rechtslage in der Schweiz unterscheidet sich grundlegend von der in Deutschland, weil bei uns das Lebensrecht der Tiere geschützt ist, in der Schweiz dagegen nicht. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz darf man keinem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen (Verhungern ist ein äußerst schmerzhafter Prozess) und man darf es nicht ohne vernünftigen Grund töten. In Deutschland kollidiert Haag-Wackernagels Methode also mit dem § 1 und §17 des Tierschutzgesetzes – und jeder Anwender würde sich damit strafbar machen – geahndet mit Geldstrafe oder Haft bis zu drei Jahren.  

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So gesehen, hat Ihre Kollegin aus dem Wissenschaftsressort sogar zu einer Straftat aufgerufen. Von einer Journalistin des Spiegel ist das schon ein dickes Ding. Vom Spiegel erwarte ich guten Journalismus und keine oberflächlichen Artikel, die persönliche Abneigungen gegen eine Tierart mit einem halbseidenen Wissenschaftler zu untermauern versuchen.  

Mit bestem Gruß 
Inge Prestele  


Der Artikel:  
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/tauben-in-der-corona-krise-bitte-nicht-fuettern-a-ca110505-bc42-4b03-979c-04e6951af8c8?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ&fbclid=IwAR0MQ-apJxXs5GodWXgqz6ICTGEKDsUBmO1f0BGog4m0qUl1hyjOjsoZvyI

Meine Quellen: 
a) Stellungnahme zum Basler Modell  von Dr. Christoph Maisack

b) Urteile Wettbewerbszentrale gegen Rentokil 2018 und 2019

Stellungnahme zum Basler Modell (Dr. Haag-Wackernagel) von Dr. Christoph Maisack 1. Vorsitzender der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht e.V.
In dubio pro Taube

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